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Griechenland – Das Entwicklungsland, das keines ist

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Seit dem Brexit Referendum in Großbritannien dominiert dieses Thema die Medienlandschaft in Deutschland. Fast scheint es so, als würden sämtliche anderen Probleme der Weltwirtschaft und der Europäischen Union in den Hintergrund treten – und im Falle Griechenland trifft dies wohl auch zu. Aber wie hat sich das einstige Sorgenkind heute entwickelt? Wir zeigen, wie es um die Griechen steht.

Bedenkliche Export-Zusammensetzung

Wer an Griechenland denkt, denkt zunächst an Wein, Schafskäse und Urlaub. Dass dort auch Metalle verarbeitet werden und industrielle Güter exportiert werden, ist den meisten Menschen in der EU kaum bewusst. Tatsächlich weist Griechenland allerdings auch nur eine Exportquote von weniger als 10 % auf. Zum Vergleich: Deutschland exportiert fast die Hälfte seines BIPs (rund 46 %). Mit den Griechen vergleichbare Volkswirtschaften, wie beispielsweise Irland oder Tschechien, kommen selbst auf mehr als 20 %.

Aber woran liegt die geringe Exportquote der griechischen Wirtschaft? Das liegt an mehreren Dingen, vornehmlich ist jedoch die Zusammensetzung der Exporte aus Griechenland ein Grund hierfür. Das mit Abstand wichtigste Gut, das aus Griechenland ausgeführt wird, ist Erdöl. Knapp mehr als 1/3 der griechischen Exporte sind Erdölprodukte. Gleichzeitig verfügt Griechenland aber über kaum nennenswerte Ölreserven oder Fördereinrichtungen – alleine dies ist hoch bedenklich.

Einfache Güter und harte Währung

Ein weiteres Problem der griechischen Exportwirtschaft ist die Beschaffenheit der Güter an sich. Vor allem einfache Industrieerzeugnisse und Lebensmittel werden exportiert. Alleine Nahrungsmittel und Metalle machen rund 30 % der griechischen Exporte aus – Produkte, die ohne Probleme aus Nicht-EU Staaten importiert werden können und dann sogar zu einem wesentlich günstigeren Preis. Denn das Preisniveau ist schon das nächste Sorgenkind, mit dem sich die Griechen befassen müssen, solange diese in der EU verweilen.

Der Euro wurde als einheitliche Währung in den meisten EU-Ländern eingeführt, um Handelsbeschränkungen und Probleme aus dem Weg zu räumen. Für zentraleuropäische Staaten mit starker Wirtschaftsleistung funktioniert dies hervorragend (zum Beispiel Deutschland, Frankreich, etc..). Das Problem: Der Euro ist viel zu stark für eine schwache Wirtschaft wie die griechische. Daraus folgt zwar einerseits, dass die Griechen für vermeintlich „weniger“ Arbeit mehr Geld erhalten, andererseits ist es für ausländische Firmen einfach zu kostenintensiv, in Griechenland Waren herstellen zu lassen oder von dort zu importieren.

Wer nur wenige Kilometer weiter schaut, landet bei der Türkei: Einem Land, das sich in den letzten Jahren hervorragend wirtschaftlich entwickelt hat. Dies liegt nicht zuletzt an der eigenen Währung, die exakt auf die türkische Wirtschaftsleistung zugeschnitten ist. Wäre also ein Grexit, der Austritt Griechenlands aus der EU und aus der Euro-Zone, die beste Lösung für alle?

Export-Vorteile für Deutschland

Für Griechenland selbst wird über kurz oder lang kein Weg an einem Grexit vorbeiführen. Zu stark ist die Abhängigkeit von einfachen Exportprodukten, die innerhalb der Eurozone kaum monetarisiert werden können. Allerdings hat nicht jedes Land in der EU ein Interesse daran, Griechenland aus dem Euroraum zu drängen – und das nicht zuletzt auf Grund der hohen Rückzahlungsansprüche auf gewährte Kredite, von denen Deutschland einen Bärenanteil geleistet hat.

Die deutsche Wirtschaft ist Exportnation Nummer 1 in Europa, weltweit wird diese nur von China und (bald) auch von Indien überschattet. Durch die Kopplung des Euro als Währung an wirtschaftlich schwache Länder wie China, Spanien oder Italien verliert der Euro stark an Wert, was Exportnationen einen deutlichen Wettbewerbsvorteil verschafft – Deutschland verdient also am Leiden der griechischen Wirtschaft aktiv mit. Dafür werden soziale und gesellschaftliche Spaltungen dort sehenden Auges in Kauf genommen.

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